Mit dem Körper in Amerika – mit dem Herzen beim BVB

Teil I

Die Welt schreibt das Jahr 1989. Der BV Borussia Dortmund 09 hat das Pokalendspiel erreicht. Am 24. Juni 1989 geht es im Berliner Olympiastadion gegen Werder Bremen. Mein Sohn und ich haben als Dauerkartenbesitzer natürlich von unserem Vorkaufsrecht fürs Endspiel Gebrauch gemacht und fiebern nun dem Tag entgegen. Zwei Tage später werden wir nach Amerika fliegen, aber das interessiert uns im Moment nur am Rande. Wir haben Wichtigeres vor.

Zwei Wochen vor dem Endspieltermin erreicht mich eine zwiespältige Nachricht: Wenn wir eine Woche früher fliegen, sparen wir pro Person 100 Mark für den Flug. Das sind bei drei Personen 300 Märker und für die Karten, die wir für 15 Mark gekauft haben, hat sich bereits ein Lehrer meines Sohnes interessiert. Er will je 150 Mark dafür bezahlen. Das sind zusammen 570 Mark Reibach.

Bei dieser Summe steigt sogar mein in den nächsten Tagen 18 Jahre alt werdender Sohn gedanklich ein, nachdem ich ihm versprochen habe, dass wir von einem Teil des Reibachs in Las Vegas in einem Casino seinen Geburtstag feiern werden.

Wie ihr euch denken könnt, wurde das in Las Vegas nichts mit der Feier. Er, der soeben stolz volljährig gewordene junge Mann, wurde in Las Vegas wegen Unmündigkeit des Spiel-Feldes verwiesen und musste auf sein Zimmer. Dieser Schock sitzt bis heute. Auch ich habe noch immer ein zwiespältiges Las Vegas Verhältnis. Wirkt die damalige Enttäuschung noch heute nach?

Wir übernachten noch, beschließen aber, Las Vegas umgehend zu verlassen. Morgen, am 24.6.1989, werden wir so schnell wie möglich versuchen, das Ergebnis des Pokalendspiels zu erfahren. Gegen Mittag Ortszeit, müsste das Spiel schon zu Ende sein. Wir fiebern dem Anruf in Deutschland entgegen und versuchen es so gegen 11:00 Uhr. Kleingeld haben wir uns natürlich rechtzeitig besorgt. Seine Schwerkraft zerrt mächtig an meinem Hosenbund. Wir schmeißen die nötigen 6,85 $ in 25 Cent Schritten ins Telefon, drücken die Null oft genug und warten auf den Operator. Nichts tut sich. Wir wiederholen diese Prozedur mehrfach, wechseln zu anderen Telefonen: Nichts, aber rein gar nichts funktioniert. Außer: Eine Automaten-Stimme erzählt irgendetwas für mich völlig Unverständliches.

Wir fahren Richtung Kingman. Der Hoover Dam ist für uns heute nur von geringem Interesse. Haben wir überhaupt angehalten? Ich glaube nicht. Was hat der BVB gemacht? Nichts anderes bewegt uns.

Schweigend fahren wir Richtung Kingman. Irgendwo im Nichts steige ich in die Bremsen: Ein Telefon! Es funktioniert nicht. Grübelnd geht’s weiter. Was hat Borussia gemacht?


Teil I endete so:

Schweigend fahren wir Richtung Kingman. Irgendwo im Nichts steige ich in die Bremsen: Ein Telefon! Es funktioniert nicht. Grübelnd geht’s weiter. Was hat Borussia gemacht?

Teil II

Hm! Habe ich da nicht mal irgendwo gelesen, dass man aus einigen Staaten nicht direkt nach Europa telefonieren kann? Stand Nevada nicht auch auf der Liste? Haben wir nicht bereits im letzten Jahr von Nevada aus keine Verbindung bekommen? Hat das die Automaten-Stimme wohl auch gemeint, wenn sie irgendwas davon erzählt hat, ich soll eine Telefongesellschaft anrufen, wie ich jetzt im Nachhinein zu verstehen glaube? verwirrt Wir müssten erst eine Telefongesellschaft außerhalb Nevadas anrufen, die Gespräche nach Europa vermitteln kann und die würde dann weitersehen? Sch… Amerika!!! Wut1

Wir erreichen Kingman, Arizona. Wenn meine Vermutung stimmt, müsste es von hier, von Arizona aus, gehen. In Deutschland dürfte es inzwischen Nacht sein. Egal, wir nehmen das erstbeste Telefon, zufällig am Bahnhof in Kingman.

Zwei mal die Null: Anspannung – Spannung – Resignation? - truuuut – „Whaur wjhaur wrauh…. Can I help you?“ Hurra! Der Operator ist da! Er ruft die von uns anzugebende Nummer in Deutschland an. Ich höre im Hintergrund die Stimme meines Vaters, der Gott sei Dank trotz einiger „Whaur wjhaur wrauhs…“ nicht auflegt.

Die bekannten 6,85 $ sollen wir für 3 Minuten einschmeißen, gibt der freundliche Operator das Startzeichen. Wie viel er wohl davon bekommt, geht es mir durch den Kopf? Aber das ist jetzt doch wirklich sch… egal!

Ich übergebe den Hörer an meinen Sohn, der die ganze Zeit neben mir in einer Stellung verharrt, als würde er sich gleich Lippen beißend in die Hose pinkeln. „Hallo? Opa?“ Dann der nächste Lippenbiss, diesmal, weil der Operator ihn angeherrscht hat zu schweigen, bis das Geld durch ist. Zanken Aber so weiß Opa wenigstens Bescheid. smile

Das Reinschmeißen der Münzen dauert so seine Zeit. Mal fällt eine durch, mal bleibt eine hängen. Aber irgendwann ist es dann geschafft und der mitzählende Operator gibt die Leitung frei. So auch hier, in Kingman, Arizona.

Die letzten Cent sind eingeworfen, die heiß begehrten Informationen aus Deutschland können endlich abgerufen werden, da kommt er….. Da kommt er und er hört nicht auf zu kommen. Und nachdem er zur Hälfte gekommen ist, mit seinen Einhunderteins Waggons, hört er mit der anderen Hälfte nicht auf wieder zu verschwinden.

Das Geld ist weg, die Leitung tot. Solch ein amerikanischer Güterzug ist lang und laut. Länger, als ein drei Minuten Telefonat nach Deutschland lang sein kann und lauter, als ein amerikanisches Telefon laut sein kann. Wut1 Wut1

Kleinlaut, frustriert, wütend, auf die 570 gesparten Mark scheißend, ja, das muss jetzt mal ausgeschrieben werden!!!, schleichen wir zu unserem WoMo. Wir steuern die nächste Bank an und besorgen uns neues Kleingeld für den nächsten Versuch. Wenn Borussia jetzt auch noch….. Nein! Nicht auszudenken!

Wir finden ein Telefon, ohne Zug, ohne Tankstelle, ohne Drive thru, ohne, ohne, ohne. Aber mit Operator, der diesmal wieder einmal alles anders macht, als sein Vorgänger, der uns aber nach Deutschland durchstellt, nachdem wieder einmal magische 6,85 $ den Schlitz passiert haben.

Mein Sohn ist am Hörer. Ich höre nur: „UND??“ „FÜR UNS??????“ und dann ein frohes Gejaule an der Strippe, die viel zu kurz ist, ihn seinen plötzlichen Bewegungsdrang ausleben zu lassen. „Wie viel?“, frage ich. „4:1“, hopst er in seinem 25 cm Radius Bewegungsfreiraum und schwenkt dabei die BVB-Fahne, die vorher nutzlos auf seinen Schultern lag. Engel Gelb

Auch ich strahle, ob des für heute unerwarteten Happy Ends. Aller Frust ist vergessen. „Toll, dass es in Amerika schon Telefon gibt“, werden wir zu Hause erzählen, "und die Güterzüge!!, das müsstet ihr mal sehen, wie lang die sind…"

Stefan schreibt ein großes 4 : 1 auf einen DIN A 6 Zettel, den er unten an ein BVB-Männchen klebt und beides als Nachricht an die ganze Neue Welt am Heckfenster des WoMos befestigt.

Aber das ist gehört eigentlich schon zu Teil III. smile
Teil III

Zwei Wochen später
Das 4 : 1 BVB-Männchen kennt sich inzwischen gut in Amerika aus. Es winkt allen freundlich zu, ob sie es wollen oder nicht, ob sie es verstehen oder nicht. Sicher versteht die Neue Welt es in der Regel nicht. smile

Wir verlassen den Wahweep Campground bei Page nicht ohne vorher gedumpt zu haben (Kacke ablassen). Während ich den Schlauch in den Ablauf stecke, beobachte ich aus den Augenwinkeln ein viel zu schnell herannahendes Wohnmobil. "Das kann nur ein deutscher Raser sein", geht es mir durch den Kopf. Trotz des links von uns noch freien Dumpplatzes hält der Raser auf uns zu, hält dann aber wenigstens in gebührendem Abstand hinter uns. Ich atme durch und kann meine sprungbereite Haltung aufgeben. „Idiot!!“ Dem Aussehen nach tatsächlich ein Deutscher.

Typisch Deutsch tu ich so, als würde ich ihn nicht beachten und beschäftige mich weiter mit meiner Kacke. Er springt aus seinem WoMo, läuft die paar fehlenden Schritte auf mich zu: „Stimmt das?“, zeigt er aufgeregt, atemlos auf das BVB-Männchen. „Klar!“, sage ich strahlend, augenblicklich versöhnt. „Ehrlich? 4 : 1 für uns?“ „Ja, 4 : 1 für uns. Und Norbert Dickel hat 2 Buden gemacht“, falle ich sogleich in den Dortmunder Slang.

„Wissen Se was? Seit 1.500 Meilen fahr ich hinter Ihnen her. Und immer, wenn ich Sie grade fast gekricht habe, hauen Se widder ab. In Moab warn Se einkaufen. Da sind Se grade losgefahrn, als wir kamen. Am Bryce kamen Se uns entgegen…“. Und er erzählte, wo er uns noch überall gesehen hatte. Aber er wollte die Gewissheit, dass das stimmte, was unser BVB-Männchen versprach.

Noch heute wird vor jedem Spiel beim Auftritt des jetzt BVB-Stadionsprechers Norbert Dickel von den BVB-Fans nach der Flipper-Melodie gesungen:
„Wir singen Norbert, Norbert, Norbert Dickel, jeder kennt ihn, den Held von Berlin.“ Und Stefan und ich denken an Las Vegas und an Kingman, Arizona und natürlich auch an den WoMo-Raser. fröhlich