Montag, 11.6.2007


Am Vormittag war der blaue Himmel erstmals von einigen grau-weißen Schleierwolken bedeckt, und es war nicht heiß, nur warm. Wir beschlossen, eine Wanderung zu den Emerald Pools zu machen. Sie sind nicht ohne Grund eine Hauptattraktion des Parks, vor allem der oberste, türkisfarbene, mit dem weißsandigen Ufer ist ein Juwel, ebenso wie der untere mit der mächtigen gewölbten Felswand, von der ein erfrischender Wasserschleier stiebt, aber ich erspare mir hier eine genauere Beschreibung, weil man die wirklich überall findet und weil die Pools wohl den meisten Forumsmitgliedern bekannt sein dürften.

Das geplante Mittagessen in der idyllisch gelegenen Lodge mußte entfallen, weil mein Freund, der Diabetiker ist, zu hohe Zuckerwerte hatte. Wir beschlossen daher, uns die Pine Creek Falls anzusehen, deren Beschreibung ich im Internet gefunden hatte und die als ein wenig bekanntes, jedoch besonders lohnenswertes Ziel gerühmt wurden. Auf dem Weg dorthin aß ich -als Ersatz für das entgangene Mittagessen in der Lodge- rasch ein paar Maiscracker und trank ein kleines Budweiser, was mir köstlich schmeckte und die Erinnerung an unsere erste National-Parks-Reise wachrief, wo wir mittags öfter ein solch frugales Mahl zu uns nahmen, weil wir vor lauter Begeisterung über all die Naturwunder gar keine Zeit für eine richtige Mahlzeit fanden.Unterwegs kamen immer wieder die herrlichsten Bergmassive ins Blickfeld:





Wir hielten an der kleinen Brücke am ersten switchback (der Straße, die zum Tunnel hochführt) und hatten keine Schwierigkeiten, den Trampelpfad zu finden, der, wie angegeben, zum Pine Creek hinunterführt. Wir folgten dem Pfad und entdeckten nur etwa eine Viertelmeile von der Straße entfernt in der Tat ein Paradies, von dessen Existenz ich auf unseren bisherigen Reisen nichts geahnt hatte. Der Pine Creek bildet hier ein wunderschönes swimming hole, das in einer überaus malerischen Landschaft aus riesigen Felstrümmern liegt, während sich im Hintergrund die mächtigen Sandsteinmonolithen des Zion abheben.

Wer diesen Bericht bis hierher gelesen hat, dem wird klar sein, was jetzt kommt: Es gibt kein Gewässer, das sicher vor mir wäre, und so dauerte es auch nur ein paar Sekunden, bevor ich die ersten Schwimmzüge im ideal temperierten leuchtend grünen Wasser des creeks machte. Am einen Ende, wo das Schwimmloch offenbar sehr tief wird, verdichtete sich die Farbe zu einem ganz dunklen Grün. Der creek zwängt sich hier zwischen zwei mächtigen bouldern durch, die eine Felsbarriere bilden und den Wasserlauf derart verengen, daß man nicht hineinschwimmen kann.



Ein Weiterkommen ist an dieser Stelle nicht möglich, man muß außen herumklettern. An sich kein Problem, es liegen ja so viele riesige Steine herum, daß dies für einen Kletterer ein wahres Paradies sein muß.



Wenn man sich wie ich nur höchst vorsichtig und im Schneckentempo über die Felsen bewegt, dauert das Ganze allerdings, und daher zog ich es vor, einen 2. Zugang zum Pine Creek, etwas weiter oben an der Straße, auszuprobieren. Wir fuhren also einen switchback weiter und parkten in seiner Ausbuchtung. Gleich hinter dem Mäuerchen am Straßenrand fanden wir den schmalen Pfad, der ziemlich steil und zudem sandig ist, so daß ich ihn mehr hinunterrutschte als ging. Unten angelangt, breitete sich vor meinen staunenden Augen der "Skinny Dipping Pond" aus, der so heißt, weil es früher üblich war, unbekleidet in ihm zu baden. Jetzt hätten wir das auch tun können, weil niemand außer uns da war. Die Landschaft ist ebenso schön wie an der unteren Zugangsstelle und der pond vergleichsweise riesig:





Von hier aus kann man den creek in beide Richtungen erforschen: Flußabwärts kommt man bald an einen schönen Wasserfall (ebenjenen, den wir von unten hatten erreichen wollen), und flußaufwärts findet man mehrere kleine pools, kleinere Wasserfälle und insgesamt eine höchst idyllische Landschaft vor dem Hintergrund berühmter Zionmonolithen wie dem East Temple, der Streaked Wall oder den Beehives. Wenn man unter dem Great Arch angelangt ist, muß man umkehren, weil noch weiter in Richtung Tunnel der berühmte Pine Creek slot canyon beginnt, den man nur mit entsprechender Ausrüstung und Seilen begehen kann.

Gerade kamen drei Männer über eine steile Felswand herab. Der unterste spang leichtfüßig voraus und rief den beiden anderen, die vorsichtiger und langsamer nachkamen, Anweisungen zu. Es war ein Guide mit seinen Kunden. Der ältere der Männer war schon über 50 Jahre alt und hatte zum ersten Mal in seinem Leben eine Tour durch einen slot canyon gemacht - mit 18 mal abseilen, wie er mir stolz erzählte. Sie waren schon seit dem frühen Morgen unterwegs und entsprechend erschöpft. Er hüpfte mit voller Montur ins Wasser, um sich kurz zu erfrischen, dann verschwanden die drei flußabwärts, verfolgt von meinen neidischen Blicken. Der Pine Creek Slot Canyon - ja, das wäre eine Herausforderung,die mich reizen könnte...

Es war schon spät, außerdem war der Himmel grau, wir drehten daher um, beschlossen aber, auf dem Rückweg (am Ende der Reise) noch einmal hier Station zu machen, weil es so schön war.
Heute aßen wir im Spotted Dog zu abend, in dem es uns auch sehr gut schmeckte und das vor allem den Vorteil hatte, daß wir im Freien sitzen konnten - ein großer Vorzug gegenüber dem Switchback, in dem ich gestern abend beinahe zu einem Eisblock gefroren wäre. Außerdem esse ich tausendmal lieber im Freien und tue es in den Ferien eigentlich immer. Jetzt, um Mitternacht, sitze ich am rauschenden Virgin River und schreibe mein Tagebuch. Das Thermometer zeigt 19° - sehr kühl für hiesige Verhältnisse, heute nacht werde ich wohl nicht schwimmen gehen...

Dienstag. 12.6.2007


Heute morgen wölbt sich wieder ein reiner blauer Himmel über uns, so wie es an fast jedem Tag auf dieser Reise der Fall sein sollte. Die Wettervorhersage lautet auf 33°, morgen sollen es 35° werden, also sind die Normaltemperaturen immer noch nicht ganz erreicht.

Die Frage ist nun, ob wir die Narrows-Wanderung heute machen sollen oder am Ende der Reise. Ich zögere trotz des herrlichen Wetters: Da ich die Wanderung bereits zweimal gemacht habe, weiß ich, daß man selbst bei 40° noch frieren kann - jedenfalls, wenn man so oft ein Bad im Fluß nimmt wie ich. Wir beschließen daher, die Narrows zu verschieben, auch wenn im Juli im Gegensatz zu jetzt eine gewisse flash-flood-Wahrscheinlichkeit besteht, und stattdessen heute ein wenig das hochgelegene Ostareal des Zion zu erkunden, dessen Schönheit wir bisher immer nur von der Straße und den wenigen Haltebuchten aus bewundert haben, das aber, wenn man sich nur ein wenig von der Straße wegbewegt, eine wahre Wunderwelt bieten soll, in der man endlos wandern kann.
Der Abschied vom Zion-Tal fällt mir wie immer schwer, wird aber durch die Gewißheit versüßt, daß wir in diesen Ferien noch einmal wiederkommen.

Nun fahren wir den Hwy 9 hinauf, der von Springdale bis zur East Entrance Station 600 Höhenmeter überwindet. Von Spitzkehre zu Spitzkehre wird der Blick schöner, wobei die Fahrt in umgekehrter Richtung natürlich noch dramatischer ist. Gleich hinter dem Tunnel suchen wir ein Plätzchen zum Parken und machen uns dann auf den Canyon Overlook hike. Er ist ja gerade im Forum in einem ausgezeichneten Beitrag genau beschrieben worden, so kann ich mir eigentlich weitere Worte sparen. Nur soviel: Bei der 1. Wanderung vor Jahren war ich tief beeindruckt von der Schönheit dieses hikes und vor allem von dem Panoramablick, der sich am Ende öffnet,



hatte aber keine Ahnung, was ich denn da eigentlich alles sah. Diesmal ist mir vieles vertraut und ich kann die meisten Gipfel benennen, was ebenfalls seinen Reiz hat, auch entdecke ich sogleich den geheimnisvollen dunklen Spalt in der Erde, der mir beim ersten Mal noch gar nichts sagte. Stimmen dringen aus ihm hoch zu mir, die für mich eine ebensolche Verlockung bergen wie der Gesang der Sirenen für Odysseus: ein paar Leute sind gerade im Pine Creek Slot Canyon unterwegs... Als wir wieder an der Straße sind, laufe ich rasch zur Brücke vor, die sich direkt vor dem Tunnel befindet: von ihr aus hat man einen noch besseren Einblick in den Slot Canyon.



(Ich eilte mich zu sehr auf der Brücke, weil ich da eigentlich nicht stehen durfte, und habe daher auf dem Foto leider nicht den besten Blickwinkel erwischt.)

Dann will ich zum Pine Creek hinunterklettern, weil ich gelesen habe, daß sich auch der normale Wanderer ca. 100 m in ihn hineinwagen könne bis zum ersten Hindernis, einem pool. Leider stellt sich der Pfad, der sich vom Parkplatz aus hinunterschlängelt, als schwindelerregend steil und völlig ausgesetzt heraus, man könnte sich nirgendwo festhalten, wenn man ins Rutschen käme, und überhaupt wird mir allein vom Anblick des offenen steilen Abhangs schon schwindlig. Also wird es nichts mit dem slot canyon, zumindest nicht dieses Mal...

Weiter geht es zum Clear Creek, der ein sehr viel harmloseres Erlebnis bietet, dabei keineswegs weniger schön: Das Bett des Clear Creek erstreckt sich ganz dicht neben der Straße, doch kaum ist man hinuntergeklettert, meint man, in völliger Einsamkeit und Abgeschiedenheit zu sein, in einer unendlich pittoresken und abwechslungsreichen Gegend, die gesäumt ist von vielfarbigen Felsen und grünem Gebüsch. Manchmal muß man eine kleine Kletterpartie unternehmen, dann wieder kommt ein herrliches weißsandiges Stück, an dem man sich, wenn der Creek Wasser führen würde -was er ab und zu tut, aber natürlich nicht in der augenblicklichen Trockenperiode- wie in der Karibik fühlen könnte.

Eine sehr schöne Beschreibung dieser höchst reizvollen Landschaft mit guten Fotos findet man bei:
http://www.citrusmilo.com/zionguide/clearcreek.cfm

Hier könnte man viele Stunden verbringen und hätte doch nur einen Bruchteil erforscht, aber wir fahren weiter. Die Felsen bis zum Parkausgang sind eine einzige Pracht in rosa und weiß - eine Märchenlandschaft aus Tafelbergen, schraffierten Kuppen und überhaupt den bizarrsten Formen, die die Fantasie sich ersinnen kann. (Hierzu fehlen leider die Fotos.)

An der Checkerboard Mesa machen wir einen Stop und ich übe ein wenig das Gehen am Abhang: wo könnte man besser trainieren als hier. Außerdem übt die Vielfalt der abstrakten Muster und Farben an diesem Berg einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus...







Hier ein Landschaftseindruck gleich nach der Ostausfahrt aus dem Zion:



An der Mount Carmel Junction liegt der Riverside RV Park, der, obwohl kommerziell, im Internet mein Interesse erregt hatte, weil er strategisch günstig und außerdem am Virgin River liegt. Doch der Cpgr. ist enttäuschend: auf der einen Seite grenzt er an die Straße, auf der anderen zwar an den Fluß, aber die East Fork ist hier nur noch ein schmales Rinnsal.

Also muß ich meine Hoffnungen auf ein erfrischendes Bad für heute wohl begraben; wir werfen unseren Plan um und steuern den Red Canyon Cpgr. an, der eigentlich als Ziel für die nächste Nacht geplant war. Hier finden wir einen einsamen Platz ganz nach meinem Geschmack, den wir aber noch einmal verlassen, um zu Rubys Inn zu fahren; es ist schön hier, ein unendlich weiter, klarer Himmel und eine ebenso klare Luft.

Ich mag den General Store und veranstalte eine kleine Kauforgie: Ich erstehe zwei ungemein praktische Utensilien, die ich während der restlichen Reise nur nachts abnehmen werde: ein schwarzes Schlüsselband zum Umhängen, an dem ich den Ersatzschlüssel für unseren RV befestige (eine geniale Idee, wie ich finde, auf die ich sehr stolz bin, muß ich doch ab nun nicht mehr ständig daran denken, den Ersatzschlüssel von der einen Hosentasche in die nächste, oder von der Umhängetasche in den Rucksack umzuräumen) sowie einen lipbalm, den man sich ebenfalls an einem langen Band um den Hals hängen kann (brauche ich in diesem trockenen Klima ständig). Dazu noch -als Vorbereitung auf weitere Wander-Großtaten- ein paar Flaschenkarabiner, Müsliriegel sowie 2 Dosen der köstlichen Tangerine Altoids, die eindeutig die leckersten sauren Bonbons sind, die wir kennen.

Sehr zufrieden mit unseren Einkäufen nehmen wir ein gutes Abendessen zu uns (die Alkoholpreise sind allerdings derart, daß wir uns ernsthaft überlegen, ob wir dieser Sucht nicht besser entsagen sollten). - Als wir kurz vor Mitternacht auf unserem Platz ankommen, herrscht vollkommene Stille, die Luft ist wundervoll kühl und klar, und über uns spannt sich ein unbeschreiblich schöner Sternenhimmel.